Notizen eines unentschlossenen Mannes, dreißig irgendwas

Englisch! Ich habe mich in den letzten Jahren weiter aus den sozialen Medien zurückgezogen und damit auch, zunächst unbewusst, aus dem allgemeinen Sprachgebrauch unserer Zeit. Es hat sich gut angefühlt, befreiend und selbstbewusst, manchmal aber auch abgeschnitten oder langweilig. Anfang der 2000er hatten wir noch keine Memes, aber wir hatten Cartoons, Animes und Zeitschriften, Musikfernsehen. Daraus wuchs unser Lingo [Ja, Baby! Lingo!], unser Slang, unsere eigene Sprache. Jemand kam dann irgendwann noch mit einem richtigen Handschlag an, ja, einer ganz eigenen Begrüßung. Eigentlich war das gefährlich. Das macht man doch nicht? Klar, in den Musikvideos klatschen sich Skater und Punks ganz bewusst ab. Faust auf Faust, die Hände aneinander, links, rechts, shaaaaz, razzle dazzle, Daumen Hoch, Kopf zur Seite: “Was läuft?” Können wir das auch? Warte, mal probieren. Es funktioniert! Das ist cool. Das war cool. Wir sahen es, übernahmen es, machten es unser eigen. Passten es an. Im Humor gab es eine neue Kategorie: Southpark. Absurde Zuspitzungen und charmanter Surrealismus für Teenager, die nachts heimlich den Fernseher wieder anschalten. Cartman, Kyle oder Kenny. “Jemand hat wieder Kenny getötet! Du bist wie Kenny. Fuck. Haha!” Das war damals. Es kam von außen, aber man macht es sich eigen. Es gehörte uns, wir kopierten nicht, wir klauten. Musikzeitschriften, Mangas, Gameboys. Die Mädchen machten ihr Ding, aber einige von ihnen hatten auch Gameboys, spielten beim Fußball auch mit. Sie machten Ketten und Armbänder aus bunten Steinen und tauschten Tagebücher, Freundschaftsbücher und Bastelzeug. Kapitalismus? Ja. Nein. Ja, aber. Nein. Also nein, weil, wenn es einen coolen Kapitalismus gab, dann diesen. Also… das, was da bei uns ankam, war schon cool, aber was das System betrifft, kann man natürlich trotzdem sagen - Nein, ich lasse das. Ist schon gut. Also, dieser Kapitalismus, der ungebremste Bigtech Kapitalismus, ja, der will jetzt die Nostalgie klauen. Und das Essay überfahren - Nope, zieh ab! Was wir teilten, uns aneigneten, die Mixtapes, die Sprüche und der Humor, sie kamen von außen, aber sie nahmen nicht unser Denken oder unsere Sprache. Das möchte ich denken, tue ich sogar.

Ich spule mal ein paar Jahre zurück. Drei Jahre. Da war es 2023. Jedes Mal, wenn ich gelangweilt war, eher noch, orientierungslos, griff ich nicht zum Telefon [Nein!], es lag plötzlich in meiner Hand. Und die App war schon offen. [Wie ist das passiert?] Mein rechter Daumen war mit anzunehmender Sicherheit und treffender Ernsthaftigkeit zu dieser Zeit ungewöhnlich kräftiger und stärker als der linke. Hoch und runter, links und rechts, Seite für Seite, Icon für Icon. Welche App? Das spielt für unsere Überlegungen keine Rolle. Es mochte ein paar Wochen Instagram sein, danach vielleicht ImdB. Denn wenn das seuchespeiende Relikt aus dem Keller eines Milliardärs, ungehalten in Entschlossenheit und überzeugt von der eigenen Barmherzigkeit, sanft [sanft?] mit Memes, Urlaubsbildern und tanzenden Menschen meine Sinne einlullte, verbannte ich sie häufig vom Homescreen. Hah! Gewonnen. Aber mein Daumen [Warte, war das mein Daumen oder mein Gehirn? Moment, war das »Ich«?] sah das nicht so. Auch auf ImdB gab es Icons, schöne Gesichter, Überschriften, Trailer, Bewertungen, ja! Zahlen, Zahlen! Kleine und große, grüne und rote, Trends und Skalen! Die hoch und runter gehen, Listen, Bewertungen! Bewertungen! Ich bewerte, du bewertest, es ist gut, es ist schlecht, es ist scheiße! Zahlen! [Wenn sogar ImdB zu scrollen Instagram ersetzen konnte, dann…?] Der Punkt war eigentlich Social Media Kritik. [Systembewusstsein, Mustererkennung, verzieht euch!] Wenigstens war ImdB nicht Instagram. Ich lerne gerne etwas über Filme. Okay.

Es ging noch eine Weile so, dann war es vorbei. Mein Telefon war ein Gerät wie eine Herdplatte, eine Fernbedienung, ein Dynamo zwischen Fahrradspeichen. Es konnte telefonieren, Nachrichten verschicken, Geld senden. Es besaß nützliche Archive und Datenbanken. Obsidian, Letterboxd, BGG. Notizen machen, Filme archivieren, Brettspiele recherchieren. Was es weniger war? Unterhaltung.

In einem Videoessay hörte ich einmal, die Karotte am Ende des Stocks, der wir hinterherlaufen, »ist« Selbstoptimierung. Danach kommt keine andere Karotte, dahinter hängt nichts anderes, das wir verschlingen können. Es gibt kein »Ankommen«. Die Belohnung ist die Belohnung, ist die Arbeit, ist die Arbeit, ist der Zwang, ist die Belohnung, ist der Fortschritt, ist… Schau. Da ist ein Fass. Dieses Fass ist eine Analogie. Das Fass hat einen Boden, das ist aber kein doppelter Boden. Da gibt es auch keine Falltür. Dieser Boden ist »das Ende«. Dieser Boden heißt Selbstoptimierung und wenn wir ihn erreichen, verschiebt er sich jedes mal ein wenig weiter nach unten. Ein Magier würde auf YouTube einen Trick zeigen und in einem Kommentar darunter würde jemand »Optische Täuschung« erwähnen. Die Selbstoptimierung, die fadenbaumelnde Karotte, der sich vertiefende Boden, wäre dieser Analogie nach eine optische Täuschung. Ein Taschenspielertrick. Ein Magier muss seine eigenen Tricks aber immer kennen. Er kann sich ihnen nicht ausliefern. Er darf die Frau im Holzsarg nicht wirklich durchsägen. Oder? Aber das ist ja nur eine Analogie. Witzig, diese Analogien. Kleine, kuriose Dinge.

Zurück zum Thema. Ohne die Apps, vor denen ich mich bücken und beugen konnte, war mein Handy nur noch ein Telefon. Nützlich, ja, hübsch, weil es ein iPhone war [Danke, Apple], aber eben nur ein Telefon mit Funktionen und einem cleveren Interface. Man kann sich sogar von WhatsApp trennen. [Was?] Nur noch SMS benutzen [Sind SMS eigentlich verschlüsselt?], Gruppen verlassen, schließlich auf einen Messenger ausweichen, dessen Identität Datensicherheit und Gegenbewegung zum Überwachungskapitalismus ist. Blasphemie! Kaltherzigkeit! Die Leute geben sich so viel Mühe, kuratieren die Bikini-Frauen, denen ständig etwas herunterfällt, so sorgfältig. Hunde werden aus Abwasserkanälen gerettet. Mit Paijalan-Kraut und etwas Garn kann man ein Mikrofon reparieren. Außerdem ist der Cousin gar nicht abgedriftet. Die Stories über alte Zeiten und Zugwagons meint er nicht so. Interpretationssache. Es lohnt sich bestimmt, das weiter zu beobachten. Sich einfach aus allem zurückziehen ist auch keine Lösung! Wir sind moderne Kreaturen einer modernen Welt! Selbst Politiker teilen jetzt online ihr Mittagessen mit Parteiprogramm und wie sie… Nein. Es gibt Grenzen. Ein Text will seine Würde wahren.

Verliert man so eigentlich Freunde? Stillstand, Chaos. [Stilles Chaos.]

Und dann, siehe da, etwas kommt in Bewegung. Es war noch kein Fluss, eher ein plätschernder Bach, aber er floss. Wie Schmelzwasser, oben aus den Bergen, das seinen Weg aus einer anderen Welt herunter zu uns macht. Durch blaukalte Luft, über grauen Stein und dunkle Kiesel. Und was da unten am Ufer dann, nachdem es an Einkaufswagen, die im Wasser Urlaub machen, und Enten, die dort wohnen, vorbei strömte, war Zeit. Freie Zeit. Freigewordene Zeit. Freizeit. Langeweile. Möglichkeiten. Mut. Wenn man nicht online sieht, wie die Bibliothek in Tokyo aussieht, soll man dann wieder in die nächste gehen? Sie sieht aber nicht so gut aus wie die in Tokyo. Früher mal war Kyoto die Hauptstadt Japans, sozusagen. Weil der Kaiser dort residierte. Das ist einfach Tokyo rückwärts. Schon lustig.

Eine Weile verstreicht. Sonne, Regen, Jahreszeiten. Wetter halt. Der Fluss mal ein Strom, mal ein Teich, mal eine Welle. Wasser halt. Und dann - Zurück in’s World Wide Web. Es gibt kein Entkommen. Aber in jeder Schlacht gab es schon immer den einen Vorteil; den High ground. Die Anhöhe, der strategische Vorteil. Bessere Aussicht, Klarheit, der Vorteil im Gefecht! Die Kanonen müssen nicht hinauf feuern, sondern hinunter, und die Pfeile fliegen flinker! Diese Stellung, die Klarheit, wollen Generäle sichern und halten. Ich versuche, da hoch zu kriechen, und frage mich: Wann hat die Welt eigentlich angefangen so zu sprechen? Warum ist alles unglaublich krass oder heftig aussichtslos? Warum schieben wir uns geisteskrank die legendärsten Pommes rein bis wir drei Tage im Fresskoma verrecken, aber haben keine Reue, weil man lebt ja nur einmal! Friss oder stirb? Friss und stirb! Waren wir nicht eigentlich… am Imbisswagen und haben dort eine Menge gegessen, weil es so gut schmeckte? Warum ist Gewalt eigentlich scheiße, aber manchmal notwendig, weil wir ja sowieso in der letzten Generation leben? Abstraktion. Man kann Sprache so weit von dem, was eigentlich ist, entfernen, bis sie leer ist. [Hallo, George Carlin! Shell shock! Shell shock!] Und weil Sprache Bedeutung ist, und weil Sprache nicht nur Kommunikation (äußerlich), sondern auch Wissensspeicherung (innerlich), ist, bestellen wir eine Pizza, kriegen die Pasta und denken es sei der Salat.

Die Welt spricht fließend ironisch. Muttersprache. Alle leiten alles, das sie sagen, zunächst mit einer Absichtserklärung (Absicherung) ein, anstatt zu sagen, was sie wollen, und sichern es am Ende nochmal ab [doppelt hält besser], wir reden nicht in Ideen sondern Referenzen (Memes), sogar ich… Jetzt ist der Gedanke abgerutscht. Mist. Jemand sagte mir mal, dann sei es bestimmt nicht so wichtig gewesen.

Es gibt ein Video. Auf einer Plattform. Die heißt YouTube. In dem Video ist eine Frau zu sehen. Sie heißt Amy. Hippie Amy at Phish Concert. Sie ist cool, locker, braucht keine Ironie. Oldschool cool. Voll 90’s. Warum? Weil sie sagt, was sie tut. Die Leute im Netz sahen das und haben ihren Verstand verloren. Warum? Na ja, weil sie halt einfach sagt, was sie meint. Mitteilt, was sie so tut. Sie steht auf einem Parkplatz, weil sie dahin gefahren ist. Sie fährt einer Band hinterher. Warum? Na ja, weil sie das halt will. Sie verkauft selbst gemachten Kram und so Zeugs, um damit den Sprit zu bezahlen. Bisher konnte sie noch auf keines der Konzerte gehen, das Geld fehlte, aber für den Sprit, um hinterher zu fahren, reichte es immer. Sie hofft, vielleicht an dem Abend genug Kohle zusammen zu kratzen. Dann könnte sie die Band auch mal sehen. Ob das was Besonderes ist? Ist ja nur eine Band, sagt sie. Aber sie lächelt die ganze Zeit. Scheint ja Spaß zu machen. Natürlich versuchte die halbe Welt sie zu finden, zu sehen, wie sie jetzt aussieht, wo sie jetzt wohl steckt. Wie ist die jetzt wohl drauf? Wie ist die gealtert? Kann es sein, dass sie so blieb? Auch in diesen Zeiten? Faszinierend. Vielleicht ist sie ein Teil von uns, aus dem wir herausgewachsen sind. Vielleicht ist »sie« eigentlich »wir«? Wo ist sie bloß? Und wenn man sie dann entdeckt… färbt wohlmöglich was von ihrem Glanz ab? Kann man sie aufspüren und dann was abhaben von ihrer Coolness? Dieser Lässigkeit? Was ist das eigentlich? Dieses… einfach sagen, was man so denkt und fühlt, ohne die Sprache zu biegen? Wie geht das? Vielleicht hatten wir früher eine Welt, die uns Dinge gab, die wir zum sprechen nahmen. Zum Hände abklatschen, zum cool sein. Und jetzt ein Internet, das uns in sein ironisches Gespräch und seine Schubladen zwingt. Warum wirkt eine Frau auf einem Parkplatz im Jahr 1997 plötzlich wie ein Wesen aus einer anderen Zivilisation, nur weil sie sagt, was sie da so treibt? So viele Fragen. Jedenfalls finde ich es gut, zu probieren, bei dem zu bleiben, was wirklich »ist«. Sprache nicht zu dehnen bis sie ganz eng und wütend wird. Selbst zu sein. Menschen, die das schaffen, sind wirklich bemerkenswert. Ich frage mich, warum wir ein paar hundert Zeilen Ironie auskotzen, nur um dann kurz zu sagen, wer wir eigentlich sind und was wir wollen. Also dann, bis bald!