Nicht mehr sofort in Social Media aufwachen. Social Media. Was für ein Begriff. Morgens die Augen öffnen, nicht sehen, was ich gestern verpasst habe. Aber auch verpassen, dass es dem Hund der Freundin eines Bekannten eines Bekannten doch wieder gut geht. Aufwachen und ausgeliefert sein. Den eigenen Gliedern, dem Raum, der Hitze, der Kälte, einem Kopf, der sich selbst ein Maß suchen muss. Es macht mich nachdenklich.
Sprache ist auf Social Media, ob sie will oder nicht. Marketing ist Sprache. Oder benutzt Marketing Sprache? Möglicherweise ist jede Kommunikation schon Überzeugen, Bezeugen, Überreden, Verdeutlichen, Beschleunigen? Marketing heißt verkaufen. Etwas verkaufen. Etwas abgeben. Sich verkaufen. Zuschlagen, zulangen, lügen, betrügen, zeigen, ausstellen, darstellen,
erwerben, erlernen, verlernen, entkernen (eine Avocado z. B.).
Ein Wort. Hier, noch eines. Nein. Das waren drei. Sprechen, reden, singen, jammern, schimpfen, schmeicheln, antworten, ignorieren, verstummen, schweigen, beschwören. Verschwören. Entschwören. Betören. Kann man alles machen. Macht man alles. Mal gut, mal weniger.
Anfang der 2000er hatten wir noch keine Memes, aber es gab Cartoons, Animes, Zeitschriften und Musikfernsehen. Daraus wuchs unser Lingo. Ja, Baby. Lingo! Unser Slang, unsere eigene Sprache. Jemand kam irgendwann mit einem Handschlag an, unserer eigenen Begrüßung. Es war riskant. Das macht man doch nicht? Klar, in den Musikvideos klatschen sich Skater und Punks ab. Faust auf Faust, die Hände aneinander, links, rechts, razzle dazzle, Daumen hoch, Kopf zur Seite: »Was läuft?« Können wir das auch? Warte, mal probieren. Es funktioniert! Das ist cool. Das war cool. Wir sahen es, übernahmen es, machten es unser eigen. Passten es an.
Im Humor gab es eine ganz neue Kategorie: South Park. Absurde Zuspitzungen und charmanter Surrealismus für Teenager, die nachts heimlich den Fernseher wieder anschalteten. Cartman, Kyle oder Kenny. Das war damals. Es kam von außen, aber wir machten es uns eigen. Es gehörte uns, wir kopierten nicht, wir klauten. Musikzeitschriften, Mangas, Game Boys. Wir bauten Witze aus Sitcoms um, sahen dieselben Late-Night-Interviews und redeten danach darüber. Kapitalismus? Ja, aber... Also nein, weil das damals wirklich cool war. Was da bei uns ankam, war cool... Ich lasse es dabei. Ist gut.
Überwachungskapitalismus—der ungebremste Big-Tech-Kapitalismus—will die Show stehlen. Und das Essay überfahren. Zieh ab.
Was wir teilten und uns aneigneten—Mixtapes, Sprüche und Humor—kam von außen, nahm uns aber weder unser Denken noch unsere Sprache. Das möchte ich denken. Das finde ich.
Ich spule ein paar Jahre zurück. Vier. 2022. Jedes Mal, wenn ich gelangweilt oder orientierungslos war, griff ich nicht zum Telefon, nein. Es lag plötzlich in meiner Hand. Und die App war schon offen. Mein rechter Daumen war zu dieser Zeit bestimmt ungewöhnlich kräftiger und stärker als der linke. Hoch und runter, links und rechts, Seite für Seite, Icon für Icon. Welche App? Ein paar Wochen lang war es Instagram, danach IMDb. Das spielt für unsere Überlegungen keine Rolle. Ich habe die Apps immer wieder vom Homescreen geschmissen. Viele kleine Siege, dachte ich.
Mein Daumen sah das nicht so. Warte, war das mein Daumen oder mein
Verstand? Moment, war das »Ich«?
Auch auf IMDb gab es Icons, schöne Gesichter, Überschriften, Trailer,
Bewertungen, ja! Zahlen, Zahlen! Kleine und große, grüne und rote, Trends und Skalen! Die hoch und runter gehen, Listen, Bewertungen! Ich bewerte, du bewertest, es ist gut, es ist schlecht, es ist scheiße! Zahlen! Wenn sogar das Scrollen auf IMDb Instagram ersetzen konnte, dann...? Wenigstens war IMDb nicht Instagram. Ich lerne gerne etwas über Filme. Okay.
Es ging noch eine Weile so. Dann war es vorbei. Mein Telefon wurde zu einem Gerät wie eine Herdplatte, eine Fernbedienung, ein Dynamo zwischen Fahrradspeichen. Es konnte telefonieren, Nachrichten verschicken, Geld senden. Es besaß nützliche Archive und Datenbanken. Notizen machen, Filme archivieren, Brettspiele recherchieren. Macht Spaß, ja, ist auch nützlich. Es war aber etwas anderes als eine Selbstverleugnungsmaschine in der Hosentasche.
In einem Videoessay hörte ich einmal, die Karotte am Ende des Stocks, der wir hinterherlaufen, ist Selbstoptimierung. Danach kommt keine zweite Karotte. Dahinter hängt nichts anderes, was wir verschlingen können. Es gibt kein Ankommen. Die Belohnung ist die Belohnung, ist die Arbeit, ist die Arbeit, ist der Zwang, ist die Belohnung, ist der Fortschritt, ist... Schau. Da ist ein Fass. Dieses Fass ist eine Analogie. Das Fass hat einen Boden, das ist aber kein doppelter Boden. Da gibt es auch keine Falltür. Dieser Boden ist das Ende. Dieser Boden heißt Selbstoptimierung und obwohl wir ihn nie
erreichen, verschiebt er sich jedes Mal ein wenig weiter nach unten. Klar, muss ja. Oder?
Ein Magier würde auf YouTube einen Trick zeigen und in einem Kommentar würde jemand »Optische Täuschung« sagen. Die Selbstoptimierung, die fadenbaumelnde Karotte, der sich vertiefende Boden, vielleicht täuschen sie uns. Vielleicht tun wir manchmal, was wir können, und verlieren uns dabei selbst aus den Augen.
Wie bei einem billigen Taschenspielertrick. Ein Magier muss seine eigenen Tricks aber immer kennen. Er kann sich ihnen nicht ausliefern. Er darf die Frau im Holzsarg nicht wirklich durchsägen. Oder? Aber das ist ja nur eine Analogie. Witzig. Analogien. Kleine, kuriose Dinge.
Zurück zum Thema. Ohne die Apps, vor denen ich mich bücken und beugen konnte, war mein Handy nur noch ein Telefon. Nützlich, ja, hübsch, weil es ein iPhone war, ja, aber eben nur ein Telefon. Man kann sich sogar von jeder App, die von Meta ausgekotzt wurde, trennen. Gruppen verlassen, schließlich auf einen Messenger ausweichen, dessen Identität Datensicherheit und
Gegenbewegung zum Überwachungskapitalismus ist.
Blasphemie! Kaltherzigkeit! Leute geben sich viel Mühe, kuratieren Frauen, denen ständig etwas herunterfällt, sorgfältig. Hunde werden aus Abwasserkanälen gerettet. Mit Paijalan-Kraut und etwas Garn kann man ein Mikrofon reparieren. Außerdem ist der Cousin gar nicht abgedriftet. Die Stories über alte Zeiten und Zugwagons meint er nicht so. Interpretationssache. Man sollte das aber weiter beobachten. Lohnt sich bestimmt.
Sich einfach aus allem zurückziehen ist ja auch keine Lösung. Wir sind moderne Kreaturen einer modernen Welt! Selbst Politiker teilen jetzt online ihr Mittagessen mit Parteiprogramm und wie sie... Nein. Ein Text will seine Würde wahren.
Verliert man so eigentlich Freunde?
Und dann, siehe da, etwas kommt in Bewegung. Es war noch kein Fluss, eher ein plätschernder Bach, aber er floss. Wie Schmelzwasser, oben aus den Bergen, das seinen Weg aus einer anderen Welt herunter zu uns macht. Durch blaukalte Luft, über grauen Stein und dunkle, glitzernde Kiesel. Und was da unten am Ufer dann, nachdem es an Einkaufswagen, die im Wasser Urlaub machen, und Enten, die dort wohnen, vorbeiströmte, war Zeit. Freie Zeit. Freigewordene Zeit. Freizeit. Langeweile. Möglichkeiten. Mut. Wenn man nicht online sieht, wie die Bibliothek in Tokyo aussieht, soll man dann wieder in die nächste gehen? Sie sieht aber nicht so gut aus wie die in Tokyo.
Früher mal war Kyoto die Hauptstadt Japans, sozusagen. Weil der Kaiser dort residierte. Das ist einfach Tokyo rückwärts. Schon lustig. Gemerkt?
Eine Weile verstrich. Sonne, Regen, Jahreszeiten. Wetter halt. Der Fluss mal ein Strom, mal ein Teich, mal eine Welle. Wasser halt. Und dann—zurück ins World Wide Web. Es gibt kein Entkommen. Aber in jeder Schlacht gab es schon immer den einen Vorteil: den High Ground. Die Anhöhe, der
strategische Vorteil. Bessere Aussicht, Klarheit, der Vorteil im Gefecht! Die Kanonen müssen nicht hinauffeuern, sondern hinunter, und die Pfeile fliegen flinker! Generäle sichern und halten diese Stellung.
Ich versuche, da hochzukriechen, und frage mich: Wann hat die Welt eigentlich angefangen, so zu sprechen? Warum ist alles unglaublich krass oder heftig aussichtslos? Warum schieben wir uns geisteskrank die legendärsten Pommes rein, bis wir drei Tage im Fresskoma verrecken, haben aber keine Reue, weil man ja nur einmal lebt! Friss oder stirb? Friss und stirb. Waren wir nicht eigentlich... am Imbisswagen und haben eine Menge gegessen, weil es so gut schmeckte? Warum ist Schmerz eigentlich scheiße, wird aber durch
10-Sekunden-Clips legitimiert? Heiligt der Zweck die Mittel? Hat er das schon immer? Sehen wir gerade die letzte Generation?
Abstraktion. Man kann Sprache so weit von dem, was eigentlich ist,
entfernen, bis sie leer ist. Bis sie tot ist. Hallo, George Carlin. Shell shock!
Sprache verleiht den Dingen Bedeutung. Sie sagt anderen Menschen, was wir meinen, aber sie sagt auch uns selbst, was wir wissen. Sie trägt, was wir denken—und auch das, was wir nicht denken können. Und deshalb bestellen wir eine Pizza, bekommen die Pasta und denken, es sei der Salat.
Die Welt spricht fließend ironisch. Muttersprache. Wir leiten, was wir sagen, mit einer Absichtserklärung ein, anstatt zu sagen, was wir wollen, und sichern es am Ende nochmal ab. Doppelt hält besser. Wir reden nicht über Ideen, sondern in Referenzen (Memes), ja sogar ich...
Jetzt ist der Gedanke abgerutscht. Mist. Jemand sagte mir mal, dann sei es bestimmt nicht so wichtig gewesen.
Es gibt ein Video. Auf einer Plattform. Die heißt YouTube. In dem Video ist eine Frau zu sehen. Sie heißt Amy. Hippie Amy at Phish Concert. 90er. Sie ist cool, locker, braucht keine Ironie. Oldschool cool. Warum? Weil sie sagt, was sie tut. Leute im Netz sahen das, haben ihren Verstand verloren. Warum? Na ja, weil sie halt einfach sagt, was sie meint. Mitteilt, was sie so tut. Sie steht auf einem Parkplatz, weil sie dahin gefahren ist. Sie fährt einer Band hinterher. Warum? Na ja, weil sie das halt will. Sie verkauft selbst gemachten Kram und so Zeugs, um damit den Sprit zu bezahlen. Bisher konnte sie noch auf keines der Konzerte gehen, das Geld fehlte, aber für den Sprit, um hinterherzufahren, reichte es immer. Sie hofft, vielleicht an dem Abend genug Kohle zusammenzukratzen. Dann könnte sie die Band auch mal sehen. Ob das besonders ist? Ist ja nur eine Band, sagt sie. Sie lächelt die ganze Zeit. Es scheint ihr also Spaß zu machen. Sie freut sich.
Natürlich versuchte das halbe Internet, sie zu finden. Zu sehen, wie sie jetzt aussieht, wo sie jetzt wohl steckt. Wie ist die jetzt wohl drauf? Wie ist sie gealtert? Kann es sein, dass sie so blieb? Auch in diesen Zeiten? Faszinierend.
Vielleicht ist sie ein Teil von uns, aus dem wir herausgewachsen sind. Vielleicht ist »sie« eigentlich »wir«? Wo ist sie bloß? Und wenn man sie dann entdeckt... färbt ihr Glanz ab? Kann man sie aufspüren und dann was abhaben von ihrem Mut? Dieser Lässigkeit? Was ist das eigentlich? Dieses... einfach sagen, was man so denkt und fühlt, ohne die Sprache zu biegen? Können wir das noch?
Vielleicht hatten wir früher eine Welt, die uns Dinge gab, die wir zum
Sprechen nahmen. Und vielleicht haben wir jetzt ein Internet, das uns in einen Running Gag zieht und in Kisten sortiert. Warum wirkt eine Frau auf einem Parkplatz im Jahr 1997 wie ein Wesen aus einer anderen Zivilisation, nur weil sie sagt, was sie da so treibt? Das macht einen nachdenklich.
Jedenfalls finde ich es gut, zu versuchen, bei dem zu bleiben, was wirklich ist. Sprache nicht zu dehnen, bis sie ganz eng und wütend wird. Selbst zu sein.
Menschen, die es probieren, sind bemerkenswert.
Ich frage mich, warum wir ein paar hundert Zeilen stilisierte Ironie auskotzen, nur um dann kurz zu sagen, wer wir eigentlich sind und was wir wollen.